GEDANKEN

Essay: „Beinahe ein Manifest“

über das Aktuelle in einem fast 100 Jahre alten Genre, künstlerischen Wert in der Kulturlandschaft und den Grund, warum ich nicht nur für mich im Proberaum spiele, obwohl es vielleicht auf den ersten Blick einfacher wäre

 

Wir sprechen in der Kulturwelt viel über KI-generierte Musik, Streaming-Zahlen und (mein persönlicher Favorit) über die Frage, was nun künstlerisch wertvoll ist und was nicht.
Was dagegen selten wirklich thematisiert wird ist die viel grundsätzlichere Frage: Warum tun wir eigentlich, was wir tun? Und wieso entscheide ich mich dazu, entgegen aller Bedenken und Warnungen ein unsicheres Leben als freischaffender Musiker zu führen, nur um das, was ich Kunst nenne, auf die Bühne zu bringen?
Spoiler: Das Leben eines Rockstars zu führen ist nicht der Grund. 

Ich bin (Stand Ende 2025) noch keine 30 Jahre alt und habe mich vor fast 10 Jahren dazu entschieden, meinen musikalischen Schwerpunkt auf den Swing zu setzen.
Moment, entschieden?
Nein und ja: Nein, weil meine Reise durch die Jazzwelt mit 7 Jahren genau so begonnen hat – mit Louis Armstrong, Count Basie, Duke Ellington und vielen anderen Pionieren des Jazz. Nennen wir es Swing, Traditional Jazz, Mainstream oder Straight Ahead Jazz, auch beim aktiven Spielen habe ich mich in diesem Spannungsfeld immer am wohlsten gefühlt. Keine aktive Entscheidung, sondern ein Gefühl.
Und ja, entschieden, weil ich natürlich auch anderes gehört, geliebt und gespielt habe, besonders zum Beginn meines Musikstudiums. Umgeben von vielen Musiker:innen, die wahnsinnig gut alle möglichen Farben des Modern Jazz spielen konnten und angestoßen von der ehrlichen Frage eines geschätzten Hochschuldozenten („Thimo, kann es sein, dass du einfach swingen möchtest?“ und der damit verbundenen Versicherung, dass das schon OK ist), habe ich aber bald meinen Fokus auf die Anfänge des Jazz gerichtet und zugelassen, genau die Musik zu spielen, die mir am Herzen liegt. Klingt trivial, ist aber im Hochschulbetrieb und besonders in den ersten Semestern gar nicht so leicht. Erstmal hat man nämlich das Gefühl, alles interessant, spannend, crazy und innovativ finden zu müssen. Fokus? Schwierig.

Nach einigen Jahren des Immer-tiefer-Grabens stehe ich nun an einem Punkt, an dem mir Genre-Schubladen oft im Weg stehen. Und meine Erkenntnis vieler Konzerte: Dem Publikum sind sie spätestens ab dem ersten Ton auch egal.
Was den Menschen nicht egal ist, oder positiv formuliert, was ihnen unter die Haut geht, ist die Ehrlichkeit, mit der wir auf der Bühne stehen, Musik spielen und die Menschen ansprechen.
„Ehrlichkeit“ ist ein schwieriges Wort in diesem Kontext. Es hat (genau wie das Wort „Authentizität“) durch TV-Talentshows und Westentaschenselbsthilfebücher einen unangenehm phrasenhaften Geschmack bekommen. Aber echte Ehrlichkeit ist es doch, die Kunst spannend macht.
Ehrlichkeit ist es, die darüber entscheidet, wie ich heute spiele. Bei aller Professionalität lässt sich nicht verstecken, wenn es mir heute nicht gut geht. Sei es, weil Omi vor Kurzem gestorben ist, oder ich seit 4 Wochen diese üblen Rückenschmerzen habe, oder vielleicht weil mir die Weltlage über den Kopf wächst.
Oder aber es ist ein wunderschöner Tag, alles funktioniert bestens, die Farben sind bunter als sonst und es kann mich nichts aufhalten!

Mein professioneller Anspruch ist, so oder so ein gutes Konzert zu spielen – aber man wird sicherlich hören, wie es mir geht, weil ich ein Mensch bin. In einer Musik, in der der improvisatorische Anteil so hoch ist, lässt sich nichts verstecken. Und das ist auch gut so! Das macht für mich und für euch den Unterschied zwischen Menschen und KI. Und echte Magie entsteht eben nur im echten Leben.

Ehrlich ist es in meinem Fall auch, wenn ich meine Musik auf den swingenden Jazzstilen aufbaue, weil es die Klangwelt ist, die mich bewegt und durch die ich mich am besten ausdrücken kann. Es kommt von Herzen, also ist es echt.
Aber es funktioniert für mich etwas anders, als für die Musiker:innen-Generation vor mir. Es ist in meiner Wahrnehmung schwieriger geworden, eine Solo-Karriere aufzubauen, indem man Musik aus den 30ern oder 40ern spielt. Die Menschen, die mit dieser Musik aufgewachsen sind, sind nicht mehr in großen Zahlen unter uns.
In der Generation ihrer Kinder (also meiner Elterngeneration), sind vielleicht noch einige durch Mama und Papa geprägt mit den Klängen von Count Basie, Billie Holiday oder Ella Fitzgerald aufgewachsen. Es sind aber schon deutlich weniger Menschen, die diese emotionale und vielleicht auch nostalgische Verbindung zum Swing haben.
Und in meiner Generation? Da wissen die Wenigsten, wer Frank Sinatra war, was Sarah Vaughan so außergewöhnlich gemacht hat oder dass „On The Sunny Side Of The Street“ mal ein absoluter Gassenhauer war, der spätestens als Zugabe alle im Saal hat aufspringen lassen.

Meine Antwort darauf ist weder Verdruss oder Ärger. Zeiten ändern sich, das ist in Ordnung. Aber es lebt nun mal in mir diese Kraft, die Klangwelt des Jazz mit ihren Schärfen, ihrem Feuer, aber auch ihren sanften und manchmal melancholischen Schattierungen weiter erkunden zu wollen, in mir aufzusaugen, zu verstehen und zu verarbeiten zu etwas, das am Abend als etwas Eigenes aus meinem Instrument strömt und bei den Menschen ankommt. Auch deshalb ist es mir ein so großes Anliegen, eigene Stücke zu schreiben, was in der traditionelleren Szene lange kein großes Thema gewesen ist.
Meine Generation hat ihre eigenen Geschichten, und ich glaube daran, dass sie ein Schlüssel sind, wie wir als junge Künstler*innen das Publikum erreichen.

Dass das, was bei den Menschen (aller Altersklassen!) ankommt, unter die Haut geht, spüre ich immer wieder spätestens nach den Konzerten im Gespräch mit ihnen. Oft sind es gar nicht die Worte, sondern diese Energie von Gelöstheit, Glück und dem Gefühl, wenn der Funke übergesprungen ist, die ich bei ihnen besonders wahrnehme. Es ist ein Raum geöffnet worden, an dem viele verschiedenste Individuen zusammenkommen. Jeder von ihnen, mich eingeschlossen, hat die Stunden vorher Eigenes erlebt und bringt Erlebtes mit in diesen Raum.
Dann richten alle ihre Aufmerksamkeit zeitgleich auf etwas, das einzig in diesem Moment entsteht, sich entfaltet und wieder vergeht. Und die Frage, in welche stilistische Schublade sich das Gehörte stecken lässt, tritt in den Hintergrund.

Für mich ist genau das Kunst, mit Menschen in Beziehung zu treten – in meinem Fall über den Kanal der Musik. Dann hat diese Musik etwas Aktuelles, etwas das jetzt eine direkte Auswirkung hat. Erst dann macht es Sinn, dass ich nicht ausschließlich für mich in meinem Proberaum spiele.

Ein kleiner Gedanke noch: Man könnte meinen Worten vorwerfen, kitschig, übertrieben oder auch naiv zu sein.
Wenn wir in die Welt schauen und beginnen, unser Leben (also uns selbst) ernst zu nehmen, können wir in meinen Augen nicht genug über diese Themen sprechen, und schon gar nicht in der von allen Seiten beschnittenen Kulturlandschaft.
Seit anderthalb Jahren bin ich Vater. Das hat für mich einiges verändert: es gibt für mich kein „später“ mehr, kein „wenn es ernst wird“ oder „das kann ich mir dann noch überlegen“.

Ich möchte JETZT innerhalb meiner wachsenden Kreise die Menschen erreichen und bewegen, in Beziehung treten und ihnen etwas mit nach Hause geben, das sie am nächsten Morgen noch beschäftigt.
Drunter mach ich’s nicht mehr. 😊

(Dezember 2025)

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